|
|
OSKAR SALA - EIN PIONIER DER ELEKTRONISCHEN MUSIK
Zu dem Begriff "Pionier der Elektronischen Musik" dürfte den meisten wohl spontan der Name Robert Moog einfallen. In Hinblick auf die Entwicklung hin zur allgemeinen Anerkennung elektronischer Klangerzeuger war Moog auch zweifellos einer der wichtigsten Wegbereiter. Allerdings hat es bereits lange vor Moogs Erfindung der Spannungssteuerung im Jahre 1964 eine ganze Reihe von Menschen gegeben, die sich intensiv mit der Entwicklung elektronischer Musikinstrumente beschäftigten. Einer dieser Pioniere aus der "Frühzeit" der Elektronischen Musik ist der Berliner Oskar Sala, der bereits 1930 als Schüler Hindemiths und Mitarbeiter Friedrich Trautweins die Entstehung des Trautoniums miterlebte und es dann später zum Mixturtrautonium ausbaute. Sala entwickelte sich zum Virtuosen auf diesem Instrument, unternahm ausgedehnte Konzertreisen, schuf bis heute in seinem Studio die Soundtracks für insgesamt mehr als 300 Filme und erhielt für seine Arbeit 1987 das Filmband in Gold und 1991 das Bundesverdienstkreuz. Trotz seiner nunmehr 89 Jahre arbeitet er noch täglich in seinem Berliner Studio intensiv an neuen Klängen und Kompositionen. 1992 hatte ich die Gelegenheit, ihn dort zu besuchen und ihn nach der Geschichte seines außergewöhnlichen Instrumentes zu befragen.
Interview mit Oskar Sala aus dem Jahre 1992
BECKER: Herr Sala, das Mixturtrautonium ist ja wohl von allen heute noch in Gebrauch befindlichen Musikinstrumenten das mit der längsten Geschichte?
SALA: Ja, zweifellos. Angefangen hat alles mit der Erfindung Trauweins, der bereits 1930 die geniale Idee hatte, eine Kippschwingung (Sägezahnwelle d.R.) auf einen Schwingkreis loszulassen. Dadurch hatten wir dann Vokalklangfarben, die wir verändern konnten. Das war natürlich für die damalige Zeit etwas völlig Neues, denn Theremin und Ondes Martenot boten ja nur Sinustöne und an die Kippschwingung hatte ja bis dahin gar keiner gedacht. Trautweins Schaltung war einzigartig auf der Welt und daß er das Patent dafür nicht bekam, liegt lediglich an der Unfähigkeit seines Patentanwalts, der bei der Patentanmeldung auf die Vokalklangfarben gar nicht einging. Aber auch wenn Trautwein das Patent nicht bekam, so waren wir doch fraglos die ersten, die den Phonetikern praktisch gezeigt haben, wie die Vokale funktionieren. Karl Stumpf, der bereits 1925 seine Arbeit "die Sprachlaute" veröffentlicht hatte , und eine bedeutende Kapazität auf dem Gebiet der Vokalforschung war, besuchte uns 1930 und konnte gar nicht glauben, welche Klänge da aus unserem kleinen schwarzen Kästchen herauskamen. Wir haben ihm dann das Innenleben des Kastens gezeigt: "Sehen sie, mehr ist da nicht wenn man am Kondensator dreht, dann klingt das halt so." Er konnte es zuerst nicht glauben, hat es aber später dann trotzdem auch noch irgendwie begriffen. Die vielfältigen Klangfarben haben das Trautonium gleich um Stufen nach oben gehoben über alle anderen elektronischen Instrumente jener Zeit. "Man kann damit alle Instrumente imitieren" dieser blödsinnige Satz fiel in Verbindung mit dem Trautonium natürlich auch sofort und spukte noch lange in den Köpfen der Leute herum..
BECKER: Wie kam es denn denn überhaupt zu ihrer Zusammenarbeit mit Trautwein?
SALA: Ich habe damals in Berlin bei Hindemith studiert und der hat gleich gemerkt, daß mich das Trautonium interessiert. Da er unbedingt drei Instrumente haben wollte (Hindemiths "Triostücke für drei Trautonien" wurden am 30. Juni 1930 in Berlin von Paul Hindemith, Rudolph Schmidt und Oskar Sala uraufgeführt, d.R.) hat er mich dann dazugeholt und Trautwein und ich haben dann diese drei Instrumente gebaut. Die waren noch sehr einfach sie hatten keine Mixturen und nur ein Manual und selbst das war noch nicht einmal druckempfindlich. Das Telefunkeninstrument ("Volkstrautonium" s.u.), bei dessen Konstruktion ich ja dann von Anfang an dabei war, bot schon etwas mehr. Das hatte zwar auch noch keine Mixturen, aber doch schon Tasten und 2 Formanten, von denen eine stufenweise und eine stufenlos regelbar war. Telefunken hatte hierfür sogar einen Drehkondensator geopfert, was wohl damals wirklich ein schwerer Entschluß für die Firma gewesen sein muß (Lachen). Da wurde wirklich um jedes einzelne Bauteil gerungen. Von diesem "Volkstrautonium" wurden 1933 und 1934 so rund 80 bis 100 Stück gebaut und es sind sogar ein paar verkauft worden. Noch heute taucht immer mal wieder eins aus der Versenkung auf.
BECKER: Wo wurde denn dieses "Volkstrautonium" seinerzeit verkauft? So etwas wie einen Musikalienhandel für elektronische Musikinstrumente gab es doch damals noch gar nicht?
SALA: Wie es verkauft wurde weiß ich ehrlich gesagt nicht. In den Läden habe ich es nie gesucht, da ich ja direkt von Telefunken eins bekam. Ich habe mir dann gleich noch ein zweites Manual drangebaut und angefangen das Instrument noch weiter zu verbessern, was Trautwein jedoch eigentlich gar nicht so recht war. Er meinte wenn es schon wieder was Neues und Besseres gäbe, dann könne man das Volkstrautonium nicht mehr verkaufen, aber dieser Streit wurde ja dann ohnehin durch die Politik abgewürgt. Ab 1934 oder spätestens 35 war nämlich alles aus, was die Verbreitung des Trautoniums anlangte. Schott konnt nicht mehr und Telefunken durfte nicht mehr, die mussten Radar oder was weiß ich machen und haben einfach alles an Trautwein zurückgegeben.
BECKER: Hatten Sie ab diesem Zeitpunkt mit Repressalien zu kämpfen?
SALA: Nein Kein Mensch hat uns irgendwie gezwungen, natürlich Hindemith mußte raus aber die Schüler wurden doch gar nicht belästigt. Selbstverständlich gab es auch an der Hochschule immer Meckerer und wir hatten dort mit einigen Widerständen zu kämpfen , aber Trautwein brachte schließlich durch irgendwelche Beziehungen einen Vorspieltermin bei Goebbels zuwege. Wir sind also nichts wie hin ins Kronprinzenpalais und haben dort vorgespielt. Na ja was soll ich Ihnen sagen? Was soll denn schon sein, wenn wir da mit einem Instrument hinkommen das im Rundfunk schon so virtuos eingeführt war. Wir hatten hübsche Stücke von Genzmer (deutscher Komponist, geb. 1909, ebenfalls Schüler von Hindemith d.R.) und alte Klassik und sowas und wer das hörte, der mußte doch beeindruckt sein. Dem Minister ging es natürlich auch nicht anders und ich durfte bleiben und konnte weitermachen. Wir bekamen dann von der Reichsrundfunkgesellschaft den Auftrag ein Rundfunktrautonium zu bauen. Die Initiative dazu kam aber nicht etwa von Goebbels sondern aus dem Rundfunk selbst. Es waren Kapellmeister Otto Dobrinth und Herbert Jäger, in dessen Sendung "Allerlei von 2 bis 3 " ich ja auch schon öfters mit dem Trautonium zu Gast gewesen war, die sagten "dieses Instrument müssen wir einfach auch im Reichsrundfunk haben". In das Instrument mußte dann alles rein was wir hatten der Preis spielte dabei keine Rolle.
BECKER: Und wer hat diese Instrument dann gebaut? Trautwein?
SALA: Nein, das habe ich gebaut. Trautwein hätte ja gar nicht die Zeit dazu gehabt, denn er war ja schließlich auch noch in der Hochschule beschäftigt. Und dann war er auch nicht jemand der sich hinsetzt und stundenlang lötet. Daher sagte er als der Auftrag kam auch gleich zu mir: "Na sie haben ja jetzt solang gebastelt, jetzt machen sie es mal selber. Wer soll es denn spielen ich könnte es sowieso nicht."
BECKER: Und sie mußten das dann selber machen?
SALA: Natürlich, ich hab da feste gelötet.
BECKER: Und wie lang haben Sie an dem Instrument gebaut?
SALA: Ein Jahr hat es allein gedauert bis ich die Sachen zusammenhatte, ich mußte ja auch Entwürfe machen und das ganze Gehäuse. Aber es war keine Plage Im Gegenteil, es hat mir Spaß gemacht, nun einmal endlich all meine Ideen ohne materielle Einschränkungen in einem Instrument verwirklichen zu können. Mit diesem Instrument, das mit zwei Manualen und zwei Mixturen ausgestattet war und für das Hindemith ja auch noch ein Stück komponierte, war dann wenigstens zunächst einmal die Zukunft des Trautoniums sichergestellt.
BECKER: Und das Rundfunktrautonium stand fest im Funkhaus?
SALA: Ja, das wurde dann hin und her geschoben durch die Säle, je nachdem welcher gerade frei war. Da ist dann auch noch allerhand geschehen; ich erfand die beiden Fußpedale und entwickelte das Trautonium zu einem Konzertinstrument mit dem sich sogar Stücke von Paganini spielen ließen.
BECKER: Wie wurde der Ton des Instrumentes übertragen?
SALA: Ich hatte einen Lautsprecherschrank dafür gebaut und das Signal wurde erst über Lautsprecher wiedergegeben und dann über Mikrofon aufgenommen. Eine Direktabnahme wie wir sie heute kennen gab es ja damals noch nicht. Auch keinerlei Aufzeichnungsmöglichkeit, so daß alles live vor dem Mikrofon gespielt werden mußte. Und wenn man sich da Paganini vornimmt, können Sie sich denken was ich da geübt habe beinahe noch mehr als jetzt, manchmal sogar die Nächte hindurch. Na ja später mußte ich dann schließlich auch in den Krieg und bin nur mit knapper Müh und Not mit dem Leben davongekommen.
BECKER: Und was haben Sie dann nach dem Krieg gemacht?
SALA: Zuerst bin ich zurück ins Funkhaus. Dort waren mittlerweile die Russen und in deren Auftrag habe ich dann ein Quartetttrautonium mit vier Spieltischen gebaut, das aber leider, wie auch das Rundfunktrautonium, die Wirren der damaligen Zeit nicht überlebt hat.
BECKER: Wissen Sie was nach dem Krieg aus Trautwein geworden ist?
SALA: Trautwein hatte das Schicksal übel mitgespielt. Einer seiner Söhne war gefallen, ein anderer hatte einen Arm verloren und nur der jüngste Sohn hatte den Krieg unversehrt überstanden. Trautwein selbst war an der Berliner Hochschule nicht mehr erwünscht, weil er gegen Ende des 3.Reiches noch in die NSDAP eingetreten war und so ging er dann schließlich nach Düsseldorf an die Tonmeisterschule.
BECKER: Hat er dann nicht noch für den WDR in Köln ein Trautonium gebaut?
SALA: Nein, das hat nicht er gebaut. Die Kölner haben ihn lediglich um die Schaltungsunterlagen gebeten, und den Bau des Instrumentes dann selber übernommen. Sie haben Trautwein noch nicht einmal um Rat gefragt. Dementsprechend wenig ist dann ja auch dabei herausgekommen. Ich selber war ja technisch schon viel weiter mit meinem Mixturtrautonium. Hätte der WDR Trautwein nicht den Bau des Instrumentes aus der Hand genommen, wer weiß vielleicht wäre ihm dann ja noch etwas eingefallen, aber so....Einiges von den Fortschritten des Instrumentes hat er ja noch mitbekommen, aber den eigentlichen Höhepunkt des Trautoniums, den hat er leider nicht mehr erlebt, da er bereits 1956 starb ein typisches Erfinderschicksal sozusagen.
BECKER: Wußte man denn zu der Zeit in Köln um die klanglichen Möglichkeiten des Mixturtrautoniums?
SALA: Am Anfang wohl nicht. Wir hatten ja bis auf die beiden Aufsätze die 1948/49 in der "Frequenz" erschienen und in denen allerdings eigentlich schon das Wesentliche drinstand, kaum etwas veröffentlicht.
BECKER: Brachte man denn dann nach Erhalt der Schaltpläne in Köln mehr Interesse auf für Ihre spezielle Art der Klangerzeugung?
SALA: Eigentlich nicht. Die Vertreter der Kölner Schule hatten nunmal den Ehrgeiz ihre eigene Sache zu machen. In deren Augen gehörte ich wohl schon zu den Etablierten, da ich ja bereits das zweite Genzmerkonzert mit den Philharmonikern spielte und Ihnen in Sachen Elektronik um mehr als 20 Jahre voraus war.
BECKER: Haben Sie denn einmal versucht direkten Kontakt zur Kölner Schule aufzunehmen?
SALA: Robert Beyer (zusammen mit Herbert Eimert Gründer des weltweit ersten Studios für Elektronische Musik beim NWDR in Köln d.R.) hat mich mal eingeladen und mir das Studio gezeigt. Man arbeitete dort mit Sinustongeneratoren, solchen unförmigen Riesenkästen. Ich hätte keine elektronische Musik mehr gemacht, wenn ich nur noch ausschließlich auf so etwas angewiesen gewesen wäre. Ich war ja nun mal von meinem Mixturtrautonium her schon verwöhnt, ich konnte frei improvisieren, Klänge in Echtzeit formen usw. Dennoch bewundere ich diese Herren, die da in Köln mit unendlicher Geduld in unglaublicher Kleinarbeit ihre Klänge erzeugten. Ich bewundere sie absolut.
BECKER: Sie haben sich ja dann mehr und mehr mit der Filmvertonung beschäftigt. Wie hat sich das denn entwickelt?
SALA: So ganz genau weiß ich das eigentlich auch nicht mehr. Nach dem Krieg, als ich noch am Konservatorium war, kamen die Filmproduzenten mit ein paar Projekten auf mich zu, die ich dann auch gemacht habe. Ich bin dann schließlich bei der Mars-Film gelandet, habe mir dort einen Schneidetisch gemietet und das entsprechende handwerkliche Wissen angeeignet. 1958 habe ich dann die Musik für den Film "Aluminium, Portrait eines Metalls" von Willi Zielke gemacht und bereits kurze Zeit später die Vertonung des MannesmannDokumentarfilms "Stahl, Thema mit Variationen" der 1960 den Grand Prix in Rouen gewann. Diese Filme waren etwas Besonderes, sie fielen sofort auf, ad sie sich in der Machart sehr stark von den anderen Filmen dieser Zeit unterschieden. Dann kamen die Industriefestivals und ich konnte mich vor Aufträgen kaum retten. Ja wo sollten sie denn auch hingehen? öberlegen sie mal was damals in Köln los war, ich glaube die haben keinen einzigen Industriefilm gemacht, die hatten ja überhaupt kein Interesse daran. Meine einzige Konkurrenz damals war vielleicht das Siemensstudio in München unter der Leitung von Josef Anton Riedl. Da war ich dann auch mal, weil man bei Siemens wollte, daß ich nach München komme und den Siemensfilm zusammen mit Riedl vertone. Das habe ich dann aber, nachdem ich das Studio gesehen hatte, abgelehnt. Die waren dort zwar sehr gut ausgestattet mit den tollsten Mischpulten, Vocodern und allen möglichen Geräten zur Klangbearbeitung. Aber was soll man mit all dem Zeug, wenn man kein richtiges Musikinstrument zur Verfügung hat das ist doch lächerlich. Riedl hat dann schließlich diesen Film alleine vertont, aber fast alle anderen Aufträge gingen dann an mich, das war wirklich eine tolle Zeit. Und dann kam ja 1962 Herr Hitchcock..
BECKER: Und das war auch mehr so ein zufälliger Kontakt?
SALA: Ja, das war ein glücklicher Zufall. Der Kontakt kam über Remi Gassmann zustande, einen Amerikaner, der mit mir seinerzeit bei Hindemith studiert hatte, später nach Amerika emigriert war und dann nach dem Krieg wieder nach Berlin zurückkam. Mit ihm schuf ich Ende der 50er Jahre die Musik für das Ballett Paean, für das Tatjana Gsovsky die Choreografie machte und das am 29.5.1960 in der Städtischen Oper Berlin uraufgeführt wurde. Gassman ging dann wieder zurück nach Amerika und realisierte das Ballet dort in Zusammenarbeit mit dem Choreographen George Balanchine unter dem Titel "Electronics". öber Balanchine kam Gassmann dann mit den Leuten um Hitchcock in Berührung. Als er erfuhr daß man dort noch keine Akustik für "Die Vögel" hatte, empfahl er mich. Ich bekam dann nach einigem Hin und Her schließlich einen Probeakt hier in mein Studio nach Berlin geschickt, vertonte ihn zur großen Zufriedenheit der Amerikaner und bekam daraufhin auch den Rest des Films.
BECKER: Sie haben dann die Geräusche zu diesem Film gemacht?
SALA: Ja ich hatte nur Bilder und die Sprache hier. Ich habe die Trautoniumklänge dann mit Hilfe meines Steenbeck Schneidetisches exakt bildsynchron angelegt. Die Amerikaner mußten dann lediglich noch ihre eigenen Geräusche daraufsynchronisieren.
BECKER: Mußten dann noch einmal Korrekturen vorgenommen werden?
SALA: Nein. Der große Alfred kam her, hörte alles ab und war zufrieden. Und wenn der einmal ja gesagt hatte, dann konnten die anderen ja nicht mehr nein sagen das war ausgeschlossen.
BECKER: Nach diesem Hitchcockauftrag hat sich doch sicherlich auch international viel getan.
SALA: Ja, da hat sich Einiges getan. Ich bekam ein paar Filme aus England usw...na, die Sache mit Hitchcock die läuft mir ja heute noch hinterher. Wenn irgendetwas ist: "Hitchcock.." Aber das macht nichts. Das kann man nunmal nicht ändern.
BECKER: Sie haben aber doch nicht nur hier in Ihrem Studio gearbeitet, sondern sind doch auch öfter mit dem Trautonium herumgereist?
SALA: Ja, auch das. Bereits Ende der 30er Jahre hatte ich ja Genzmers "Konzert für Trautonium und Orchester" mehr als 20 Mal u.a. in Berlin, Danzig, Straßburg, Hilversum und Budapest aufgeführt. Nach dem Krieg habe ich dann in Berlin und Bayreuth die Parzivalglocken gespielt und bin sogar mit Honeggers Oper "Jeanne d'Arc au bächer" nach Rom gereist. Aber das Reisen mit solch einem empfindlichen Instrument ist doch recht anstrengend und zeitaufwendig und so habe ich dann schließlich 1962 die Parzivalglocken und die Jeanne d'Arc zum letztenmal gespielt. Schade, daß Honegger die Jeanne d'Arc in der Trautoniumversion (ursprünglich ist das Stück für Ondes Martenot vorgesehen, d.R.) nie gehört hat, die hätte ihm sicher gefallen.
BECKER: Sie haben ja bei dieser Oper zusammen mit dem Orchester gespielt. War es für die jeweiligen Orchestermusiker eigentlich schwer, sich auf das Zusammenspiel mit einem elektronischen Instrument einzustellen?
SALA: Nein, das hat eigentlich überall gut geklappt und es hat auch nie irgendwelche Proteste gegeben. Wenn wir Beethoven gespielt hätten, ja dann wären Proteste sicherlich berechtigt gewesen, aber wenn man Werke von Genzmer oder Honegger spielt, bei denen ja in der Partitur bereits ein elektronisches Instrument vorgesehen ist, dann ist das kein Problem.
BECKER: Heute machen sie aber keine Konzerte mit Orchester mehr?
SALA: Nein, das ist mir zu anstrengend. Ich spiele auch das Genzmer Konzert nicht mehr. Das zweite Konzert ist wirklich sehr schwer und irgendwann ist man nicht mehr fähig eine solche Last zu tragen. Ich habe nunmal nicht mehr den jugendlichen Schwung von früher. Wenn ich heute mit meinen 82 Jahren nochmal anfange etwas Neues zu machen, dann muß ich es auf einer Basis machen, mit der man in dem Alter noch mitkann. Vor dreißig odwer vierzig Jahren hätte ich mit dem neuen (Transitor-)Trautonium sicher noch anders angefangen. Ich tue zwar mein Möglichstes aber mehr geht halt nicht. Da ist dann einfach irgendwo mal Schluß.
BECKER: Aber Sie arbeiten doch noch regelmäßig jeden Tag hier in Ihrem Studio?
SALA: Ja, natürlich. Ich fange morgens an und sitze dann manchmal abends immernoch hier und komponiere. Ich muß ja schließlich für die nächste Schallplatte noch allerhand machen.
BECKER: Und wann soll die herauskommen?
SALA: Das weiß ich noch nicht genau. Sie wird dann erscheinen, wenn ich meine, daß sie fertig ist. Ich weiß auch noch nicht, wo sie erscheinen wird, es gibt da mehrere Interessenten.
BECKER: Sie sind also nicht exclusiv an das "Erdenklang" Label gebunden?
SALA: Nein. Exclusivverträge habe ich noch nie gemacht, ich mußte immer meine Freiheit haben. Außerdem hätte das ja auch gar keinen Sinn, denn soviel bringe ich den Leuten ja nicht ein. Ich bin kein Schlagerstar, an dem man richtig viel verdienen kann. Ich bin jetzt schon 60 Jahre dabei und wer weiß wann ich wieder etwas veröffentliche. Vielleicht in den nächsten zwei Jahren gar nichts mehr, wer weiß? Ich bin ja auch nie in den Funk gegangen, weil ich von niemandem abhängig sein wollte. Ich war immer selbständig und habe immer mein eigenes Studio gehabt.
BECKER: Trotz der interessanten Möglichkeiten des Mixturtrautoniums gibt es erstaunlicher Weise weltweit nur noch zwei funktionierende Instrumente, und die stehen beide hier in Ihrem Studio. Zudem sind Sie der Einzige der diese Instrumente virtuos zu spielen versteht. Gibt es einen Nachfolger, der irgendwann einmal ihr musikalisches Erbe antreten könnte?
SALA: Nein. Es war schon ein sehr merkwürdiger Weg und es hat selbst nach dem Krieg nie geklappt mit dem musikalischen Nachwuchs. Natürlich kommen immer wieder junge Leute zu mir, die sich für das Instrument interessieren. Darunter auch viele bekannte Unterhaltungsgrößen wie etwa die Musiker von Tangerine Dream oder Kraftwerk. Aber es scheitert halt immer daran, daß es keine weiteren Instrumente gibt und ich zu alt bin um nochmal eins zu bauen. Sie müßten sich schon selber eins bauen und das haben sie halt bisher nicht gemacht. Aber das ist ja auch nicht so einfach. Selbst die Postprofessoren haben lange gebraucht bis sie das Transistorinstrument fertig hatten, wobei das Schwierigste wohl die Manualkonstruktion gewesen sein dürfte. Es sieht so aus, als ob das wirklich schiefgehen könnte. Ich meine, das Instrument wird nicht vernichtet, wenn ich mal nicht mehr bin, sondern das kommt hier ins Postmuseum. Vielleicht bekommt es dann ja auch mal wieder jemand der darauf spielt, aber... wo soll der denn herkommen? Ich könnte ja sogar alles mitstiften was hier im Studio steht, aber damit kommt doch niemand zurecht. Er müßte doch wenigstens irgendeine Art von Einführung erhalten. Und er müßte natürlich auch sehr begabt sein und sich voll hineinknien in die Sache. Vor allem würde er natürlich nicht gleich Geld damit verdienen, sondern müßte sich erstmal mit der ernsteren Seite der Musik befassen. Aber ich kann nunmal keinen mehr ausbilden. Zum einen habe ich den Postprofessoren versprechen müssen, daß außer mir niemand auf dem neuen Instrument spielt, zum anderen läuft mir die Zeit davon. Ich bin einfach schon viel zu alt und die paar Jahre, die ich noch habe muß ich unbedingt hier weitermachen, komponieren und spielen. Für alles andere ist es leider zu spät. Wie sich das alles weiterentwickelt weiß ich auch nicht. Es ist schon grotesk, daß man nach 60 Jahren immernoch alleine dasitzt mit einem einzigen Instrument. Wirklich grotesk.
Oskar Sala stellte mir freundlicher Weise eine komplette Liste seines Studioequipments zur Verfügung.
Studio-Equipment Studio Oskar Sala: Mixturtrautonium, eigene Röhrenkonstruktion 1948 52. Konzerttrautonium, eigene Konstruktion 1938, (defekt, Buntmetallberaubt) "Mixturtrautonium nach Oskar Sala", Neukonstruktion mit mikroelektronischen Schaltungen, gebaut von Dipl.Ing Hasns-Jörg Borowicz, Dr. Dietmar Rudolph und Dr. Helmut Zahn von der Fachhochschule der Deutschen Bundepost Berlin, 1987 meinem Elektronischen Studio zur Verfügung gestellt. Zur Stereo-Studiound Konzertanlage gehören inzwischen: 2 Digital Reverb Geräte RV0 901 (VestaFire), HarmonicsDelay Ibanez HD 1000 2 Digital Delays Ibanez D 2000 Frequenzumsetzer (Röhrengerät, Spezialkonstruktion) Spezialklangfarbengerät (Röhrentechnik) DAT-Recorder (Sharp-Optonica) Cassettenrecorder (Kenwood KX 1100 HX) CD-Player (Sony) Mischpult (Roland M 160) Stereoverstärker (Camco LA 401) 2 Schallstrahler (Electrovoice/ Sentry 500) Studiotonbandgeräte: 2 Telefunken M-5 A 2 Telefunken M-5 B (mit Steckkarten) Große Stereo-Hallplatte (EMT) Filmvorführund Bearbeitungsgeräte: 6-Teller Schneidetisch (Steenbeck) für 35 mm Film 6-Teller Schneidetisch (Steenbeck) für 16 mm Film mit Tonspur für 17,5 mm Perfobandkamera (Albrecht) für 17,5 mm Perfoband Vorführund Kopieranlage Sony für VHS Video Magnettonbandlaufzeitregler Springer mit Halb- und Vollspurkopf 3 fremderregte dynamische Großlautsprecher (Telefunken) diverse Transportkisten für die elektronischen Mixturtrautonien Tonbandarchiv mit ca. 95% aller Studioproduktionen (z.Zt. von 1 634) zum größten Teil mit 38 cm/s Bandgeschwindigkeit Im Studioarchiv befinden sich außerdem noch zahlreiche, für die Filmproduktion eigens hergestellte Perfo-Musikmischbänder, sowie Schrift und Bildmaterial zur Geschichte des Trautoniums seit 1930.
Diskographie Oskar Sala:
Electronics: Music For The Ballet (LP, 1962, Westminster WST 14143)
Resonanzen und Suite für elektronisches Schlagwerk (LP, Selected Sound, 1970, CD Originalton West 1994)
Elektronische Filmmusik von Oscar Sala (LP, Metronome MEP 6043, 1971)
Musique Stereo pour Orchestre Electronique en cinque Parties (LP, ERATO, STU 70633, 1972)
Elektronische Impressionen (LP, Telefunken, 1979)
Hindemiths Trautoniumkompositionen (LP, Telefunken 642529, 1980)
Electronic Kaleidoskope (LP, Wergo SM 1040, 1983)
Konzerte mit Orchester für Trautonium und Mixturtrautonium von Harald Genzmer (LP, Wergo, 1984)
My Fascinating Instrument (CD, LP Erdenklang, 90340, 1990)
Subharmonic Mixtures (CD Fax PS 08/85, 1997)
|
|